22 Dez
2017

Seit einigen Monaten diskutieren wir intensiv darüber, wie man Schülern und Schülerinnen ihre eigenen Lernprozesse näher bringen, Ihnen die eigene Verantwortlichkeit beim Lernen bewusst machen und sie darüber in eine höhere Selbstständigkeit in (Hoch-)schule und Ausbildung und letztlich in die persönliche und berufliche Weiterentwicklung begleiten kann.

Wir alle lernen ja unentwegt, aber in der Schule, im Studium und in der Ausbildung fällt uns immer wieder auf, dass den Lernenden meist nicht bewusst ist, was sie eigentlich lernen. Vor allem in der Schule und Hochschule werden Lernvorgaben „blind“ erfüllt. Es wird ein Inhalt auswendig gelernt, zum Prüfungszeitpunkt wieder gegeben und im Anschluss daran häufig vergessen.

Etwas anders ist das in der Ausbildung, wo durch die Verknüpfung von Theorie und Praxis ein intensiveres Lernen möglich ist. Aber auch den Auszubildenden fällt es oft nicht leicht die theoretischen Inhalte „on demand“ mit der praktischen Anwendung zu verknüpfen. Lernprozesse ziehen sich deshalb in die Länge und benötigen eine intensivere Begleitung als bewerkstelligt werden kann.

Schüler*innen und Studierenden fällt es offenkundig schwer, sich ihr eigenes Lernen bewusst zu machen. Wenn man sie fragt, dann können sie beschreiben, was sie tun, aber nicht, was sie lernen. Am Ende der Schulzeit und des Studiums stellt sich bei vielen das Gefühl ein „nichts zu können“. Es muss also darum gehen, das eigene tägliche Lernen ins Bewusstsein zu rufen und ihm dadurch eine individuelle Bedeutung und Richtung zu geben.

 

Wie kann man reflektieren lernen

Wir denken, dass ein guter Weg in diese Richtung ist, sich jeden Tag ein paar Minuten Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken, was alles an diesem Tag gemacht und dabei gelernt wurde. Gleichgültig, ob diese Gedanken mit Bleistift auf Papier, in den Laptop oder das Handy getippt oder mit Audio oder Video aufgenommen werden, wichtig ist, dass es regelmäßig geschieht und in die tägliche Routine kommt. Ich würde das fast mit dem abendlichen Zähneputzen vergleichen. Ein Reflektionstagebuch zu führen ist eine Art von Psychohygiene, die nützlich ist für den, der sie betreibt. So wie das Zähneputzen die Zahngesundheit erhält, so unterstützt das tägliche Reflektieren die persönliche Weiterentwicklung und berufliche Karriere.

Reflektieren haben wir jedoch nicht von Kindesbeinen an gelernt und eingeübt wie das Zähneputzen. Deshalb bedarf es Anleitung und Begleitung und auch einer gewissen Disziplin, bis das Reflektieren als tägliche Übung verankert ist.

Vor allem wichtig ist aber eines: Den Lernenden muss klar und deutlich das Ziel und der Sinn ihres Lernens vor Augen stehen. Sie müssen wissen, warum sie eine bestimmte Ausbildung machen oder genau dieses Hochschulstudium begonnen haben. Sie müssen wissen, welche skills sie gerade lernen und warum diese für eine spätere erfolgreiche Berufsausübung wichtig sind. Das können Fragen sein wie: „Was zeichnet einen guten Mechaniker aus?“ oder „Welche Fähigkeiten brauche ich, um ein aufmerksamer und gleichzeitig auch wirtschaftlich arbeitender Altenpfleger zu sein?“ Über die eigenen persönlichen und beruflichen Ziele nachzudenken muss am Beginn einer Einführung in die Kunst des Reflektierens stehen.

Anleitungen zum Reflektieren können dann ganz einfach aus wenigen täglich gleichen metakognitiven Fragen bestehen, die allmählich zur Routine werden:

 

  1. Was ist mir heute aufgefallen?
  2. Was ist mir leicht gefallen?
  3. Womit hatte ich Schwierigkeiten? Oder: Was habe ich noch nicht gut verstanden?

 

Diese Fragen sind sehr allgemein gehalten. Es kann sinnvoll sein solche Fragen jeweils an die konkreten Aufgaben im jeweiligen Studium oder Berufsfeld anzupassen.

Die Routine unterstützt die Lernenden, Zusammenhänge zu erkennen, Bezüge zu früher Gelerntem herzustellen, ermutigt auch, sich eigene, weitere Fragen zu stellen und gibt die Chance zu erkennen, wo man noch Lücken hat.

Wichtig ist es, das tägliche Reflektieren möglichst einfach ohne unnötige Hürden zu bewerkstelligen. Hier denke ich z.B. an das Führen des Lerntagebuchs in der Muttersprache oder die Möglichkeit Reflexionen als Audio festzuhalten. Wichtig ist vor allem aber auch einen Raum zu schaffen, in dem Reflektieren möglich.

 

Raum für das Reflektieren von Lernprozessen

Ein Raum hat mehrere Dimensionen, neben der zeitlichen, die ich bereits angesprochen habe, eine örtliche Dimension.

Um reflektieren zu können brauche ich einen ruhigen Ort und vielleicht auch einen gewissen zeitlichen Abstand zum Lern- und Arbeitsgeschehen. Es gibt Studierende, die berichten, dass sie am besten nachdenken können, wenn sie spazieren gehen. Andere sagen, die besten Gedanken kommen ihnen in den Sinn, wenn sie sich hinlegen. Das sind individuelle Besonderheiten und persönliche Vorlieben, die es zu berücksichtigen gilt.

 

Wo können die Ergebnisse dieser Denkprozesse festgehalten werden?

Heute im digitalen Zeitalter befindet sich dieser Ort auf Portalen und Plattformen, die institutionell (z.B. ePortfolio-Portale) oder als private Dienstleistung (Notiz- und Tagebuchversionen) angeboten werden können.

Die einfachste Version ist dabei ein Blogsystem mit der Möglichkeit pro Eintrag Materialien beizufügen oder auf Materialien zu verlinken.

Sehr gute Erfahrungen machen wir hier derzeit Kontext von Organisation mit Mahara, einem open-source ePortfolio-Portal mit vielfältigen Funktionen. Die hohe Variabilität von Mahara erlaubt eine flexible Anpassung an die Bedürfnisse der Organisation wie auch der Mitglieder. Die Funktionsvielfalt verführt allerdings auch dazu, den Fokus auf die Reflexionsprozesse von Einzelnen aus den Augen zu verlieren. Das bedeutet, dass Verantwortliche im Unternehmen von verschiedenen Perspektiven aus auf das Portal blicken müssen. Für Personalentwickler bietet es eine Fülle Möglichkeiten neben der Begleitung von Lernprozessen und dem Anlegen von Kompetenz-Portfolios.

Spannend finden wir andererseits vor allem auch Evernote, ein Tool, welches Nutzer sich sehr persönlich einrichten können und welches sich zunehmend als Lern- und Austauschplattform besonders für agile Netzwerke entwickelt. Selbst in der kostenfreien Version bietet Evernote alles, was ein einfaches Lerntagebuch braucht einschließlich einer guten Suchfunktion.

 

Abschließende Bemerkungen

Lernen reflektieren zu können ist heute eine notwendige Fähigkeit zur weiteren persönlichen und beruflichen Entwicklung. Es ist die grundlegende Voraussetzung für selbstorganisiertes Lernen und die hohe Lernkompetenz, die zunehmend von uns allen gefordert und vorausgesetzt wird

 

 

 

 

 

 

 

samadmin

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